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Hochbegabtenförderung im Verbund Mitte
  • Seit Juni 2009 kooperiert die Anna-Lindh-Schule mit vier weiteren Grund­schulen sowie zwei Gymnasien des Bezirks Mitte im Rahmen eines Verbunds, um hoch­begabte Schüle­rinnen und Schüler besonders zu fördern. Hierbei wird auf die erfolg­reiche Koopera­tion der Anna-Lindh-Schule mit dem Lessing-Gymnasium aufgebaut.
  • Am 16. Mai 2013 fand der Expertentag des Verbunds Mitte statt.

Philosophie zum Anfassen

Am heutigen Donnerstag darf ich in der Zeit von 12:45 bis 14:20 Uhr am Unterricht im Fach »Philosophieren mit Kindern« in der Klassenstufe 4 der Anna-Lindh-Schule teilnehmen. Der Unterricht wird von Frau Kathrin Bach als Lehrerin einer Klasse mit Begabungsförderung an der Anna-Lindh-Grundschule angeboten.

Für Frau Bachs Unterrichtskonzept interessiere ich mich, weil ich vor dem wissenschaftlichen Hintergrund als Lernforscherin nach entwicklungs­bezogenen Lern- und Lehrkonzepten suche, die Kreativität und Begabungs­stärken bei Kindern ab dem frühen Alter erkennen, verstehen und so fördern, dass sie im schulischen Kontext lerneffektiv für alle Beteiligten gestaltbar werden.

Pädagogische und psychologische Qualifikation

Die Ausbildung zur Multiplikatorin für den Unterricht im »Philosophieren mit Kindern« absolvierte die Lehrerin bei der Karg-Stiftung, die den Ausbildungs­gang zudem auch finanzierte. Die Karg-Stiftung unterstützt, finanziert und dokumentiert bundesweit begabungs­fördernde Angebote in Bildungs­einrichtungen und begleitet diese Angebote fachlich. Die Stiftung ist in der nachhaltigen Wahrnehmung aller Belange für hochbegabte Persönlichkeiten seit 1989 hoch engagiert.

Im Bezirk Mitte kennen wir Frau Bach in einer doppelten Funktion: Seit vielen Jahren ist sie neben ihrer Lehrtätigkeit an der Anna-Lindh-Schule auch als Beratungs­lehrerin in der Schul­psycho­logischen Beratungsstelle in Berlin-Mitte tätig. Sie ist die Ansprechpartnerin für alle Kinder im Bezirk, deren Eltern eine Förderberatung oder die testpsycho­logische Diagnostik suchen und ist dann gefragt, wenn es um schwierige und komplexe Lern- und Entwicklungs­verhältnisse bei Kindern und vor allem bei besonders begabten Kindern geht.

Inzwischen bietet Frau Bach neben dem Philosophie­unterricht für Grundschulkinder auch Fortbildungen für interessierte Kolleginnen und Kollegen aus dem Bezirk Mitte an. Im Zentrum dieses Angebots steht die Reflektion der pädagogischen Haltung bzw. die Frage, wie eine solche Haltung individuell zu erzielen ist. Pädagogische Entfaltungsräume im Lernen wie im Lehren werden geschaffen und machen die Äußerung der eigenen Meinung im Sinn eines »Pädagogischen Zeigefingers« entbehrlich.

Philosophieren mit Kindern, was ist das?

Im Vorgespräch erfahre ich von Frau Bach, dass ich hier ein inklusiv ausgerichtetes Unterrichts­konzept erwarten darf, bei dem nicht die philosophische Theorie oder deren Bearbeitung im Vordergrund steht, sondern das Kind: Es wird zum Akteur seiner Fragen, Gefühle, Hoffnungen, Freuden und Schwierigkeiten. Sich im Denken üben bedeutet hier: üben, eigene und fremde Gedanken zuzulassen. Die Kinder üben, einander zuzuhören und vorurteilsfrei miteinander umzugehen sowie dies gegenseitig zu reflektieren. Dazu Kathrin Bach: »Wir Erwachsenen haben das freie Anders Denken oftmals verlernt, haben uns an gesellschaftliche Maßstäbe angepasst. Wenn wir unsere Kinder jedoch nicht allein lassen mit ihren Gedanken, ihnen die Möglichkeit des Andersdenkens geben, ist dies ein unschätzbares Rüstzeug für ihr Leben.«1

Welche Kinder interessieren sich für Philosophie?

Langsam füllt sich der Klassenraum. Anders als ich es zu dieser Tageszeit erwartet hätte, beginnt der Unterricht ohne Stöhnen oder Murren. Frau Bach begrüßt jedes Kind persönlich, und es vergehen nur wenige Minuten, ehe wir mit unseren Stühlen einen Halbkreis gebildet haben. Am Unterricht nehmen heute insgesamt 13 Kinder teil, die Mehrzahl von ihnen stammt aus Familien mit ausländischen Wurzeln. Ebenso lerne ich hier Kinder kennen, die sich in unterschiedlichen Reifungs­prozessen befinden und mir mit ihren individuellen Begabungs­stärken auffallen. Frau Bachs Unterricht spricht Kinder mit Sprach- und Entwicklungs­schwierigkeiten ebenso an wie Kinder mit besonderen Begabungen und getesteten Hochbegabungen.

Als besonders erfreulich empfinde ich die Inklusivität dieses Angebots an der Anna-Lindh-Schule, das sich ausgehend von einem Förderangebot für Kinder mit getesteter Hochbegabung hin zum »offenen« Angebot für alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 1 bis 5 entwickelte: Der Kurs mit dem Titel Gedankensammler ist zugänglich für alle Kinder, die sich ihm anschließen möchten.

Themenschwerpunkt des Tages: Wo ist der perfekte Ort zum Wohnen?

Wir sprechen über Emily Gravetts Bilderbuchgeschichte Post vom Erdmännchen, die unter dem Motto steht: »Sicher leben heißt zusammen leben«.2 Die Kinder diskutieren über Formen des Zusammenlebens und wie sie diese in ihrem Zuhause, in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis empfinden. Fragen wie: »Würdest Du gerne alleine leben?«, oder: »Was bedeuten Regeln im Zusammenleben?« münden in einer kontroversen Diskussion und unterschiedlichen Auffassungen. Als Zuhörerin nehme ich auf, wie klar und wie offen die Kinder sich und ihre Umwelt beobachten und dies sehr eindeutig formulieren können.

In der Vertiefungsphase des Unterrichts erhalten die Kinder die Aufgabe: »Überlege Dir eine Reise an einen Ort und zu Menschen und gestalte dies in Form einer Postkarte.« Schnell sind Blätter und Stifte vorbereitet. Die Schülerinnen und Schüler setzen ihre Ideen und Gedanken bildlich und schriftlich ebenso eindeutig um, wie sie vorab in den Diskussions­beiträgen besprochen wurden. Mir ist es erlaubt, die fertigen Postkarten zu fotografieren. Die daraus hervorgehenden Botschaften gehen ans Herz: »Liebe Mama, lieber Papa, es ist so doov, immer nerven die kleinen mich. Ich werde verreisen.«

Förderschwerpunkte

Der Unterricht im Fach »Philosophieren mit Kindern« ist wahrnehmungs­fördernd, und im Vordergrund steht das Formulieren eigener Gedanken: zunächst verbal, dann psychomotorisch im Text, im Bild und in der Geste. Der Unterricht regt zum kritischen Betrachten von Themen­schwerpunkten an, in dem das individuelle Denken, das Weiterdenken sowie das Denken in der Gemeinschaft begleitet wird. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Argumentierens und Debattierens ebenso wie das divergente Denken als kreativitäts­förderndes Kriterium. Als besonders positiv empfinde ich, dass die Kinder in diesem Unterricht so sprechen dürfen, »wie ihnen der Schnabel gewachsen ist«: Im Sinne eines »tabufreien Forschens« steht alles zur Debatte, was die Akteure denken, fühlen und was sie beschäftigt. Die Kinder nehmen wahr, wie wichtig es ist, sich mit eigenen Gedanken in den Lernprozess einzubringen, und erfahren positive Würdigung ihres Engagements.

Frau Bachs Unterricht wirkt begabungs­fördernd, weil die Offenheit und das Verständnis der Lehrerin es ermöglichen, dass Kinder mit besonderen Begabungen sich öffnen und ihre Begabungs­stärken zeigen. Der Unterricht zeichnet sich durch eine klare didaktische Struktur aus: Die Lehrerin spricht langsamer, dafür sehr klar und sehr deutlich, und bietet so auch Kindern mit Wahrneh­mungs­schwierig­keiten eine anregende Struktur im Sinne von Führen, Fördern und Begleiten ihrer Stärken an und ermutigt sie, den individuellen Ideen und den damit verbundenen Fragen nachzugehen.

Erfahrungen der Lehrerin

Kathrin Bach: »Beim ›Philosophieren mit Kindern‹ konnte ich an der Anna-Lindh-Schule positive Erfahrungen sammeln. Die erstaunlichen Ergebnisse verblüffen immer wieder. Auch Kinder aus bildungs­fernen Elternhäusern werden zum Denken und zum respektvollen Umgang miteinander geführt. Ein arabischer Junge aus schwierigen Verhältnissen äußerte in einer Gedankenrunde über Freundschaft: ›Wenn jemand, der sich mein Freund nennt, klaut, dann will ich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Denn das hat mit mir nichts zu tun.‹«3

Kathrin Bach: »Ein türkischer Junge aus einer bildungs­fernen Familie hat durch das Philosophieren andere Prioritäten für sich gesetzt. Er saugt alles auf, was er an Bildung kriegen kann und versäumt keinen einzigen Philosophiekurs. Er hat geäußert: ›Ich will mal wichtig für andere sein.‹«4

Um 14:20 Uhr ist der Unterricht leider beendet. Keines der Kinder will so richtig nach Hause gehen. »Frau Bach, nimm mich noch mal in Deinen Arm«, bittet ein türkisches Mädchen.

Ressourcen

Frau Bachs Unterrichts­konzept lässt viele förder­diagnostische Inhalte erkennen. Die didaktische Umsetzung eröffnet die wichtige Möglichkeit, Kinder in ihrer Lernhaltung zu sich selbst, in ihrer Konzentra­tions­fähigkeit, ihrer Motivation und Kreativität zu beobachten. Sie ermöglicht es, die individuellen begabungs­bezogenen Umsetzungs­möglichkeiten als Bestandteile des Lehr- und Lernprozesses und die damit einhergehenden Entwicklungen im Verlauf des Kurses aufzunehmen. Dies könnte fächer­übergreifend eingesetzt werden und gibt wichtige Auskünfte zum Entwicklungs­stand wie den damit verbundenen kognitiven Ressourcen, die vor allem bei begabten Kindern nicht immer in allen Fächern gleich stark sichtbar werden.

Reflektion und Kommunikation in pädagogischen Arbeitsfeldern

Weiterhin eignet sich dieses Konzept, um Schwerpunkte in der Lehre divergent und tabufrei diskutieren zu üben. Die divergente Aufnahme von Wissens­inhalten ermöglicht die vorurteilsfreie Reflektion der pädagogische Haltung. Mit der praxisorientierten Erweiterung der pädagogischen Annäherung eröffnen sich Chancen zur Erkennung von Begabungs­merkmalen bei Kindern, die leider vielerorts mangels besseren Wissens noch immer mit Behinderungs­merkmalen verwechselt werden.

Damit wünsche ich diesem ganzheitlichen Unterrichts­konzept von Frau Bach eine fächer­übergreifende Verbreitung, die jede inklusiv geführte Schule bereichern wird, wie auch eine Anwendung im schulübergreifenden begabungs­fördernden Kontext. Vielversprechend hinsichtlich der förder­diagnostischen Wirksamkeit ist das Konzept außerdem für Kinder in der Schulübergangsphase (KiTa).

Und so nehme ich das offene, warme und herzliche Gefühl mit, das diese Lehrerin jedem Kind entgegenbringt und damit eine Unterrichts­atmosphäre schafft, in der sich jedes Kind angenommen und verstanden fühlt. Einige Tage später werde ich unfreiwillig Zuhörerin einer Diskussion zwischen einer Schülerin und ihren Eltern zum Thema Schulwechsel. Die Schülerin: »Ich will nicht aufs Gymnasium! Da gibt es kein Philosophieren mit Kindern!« Kann es ein größeres Lob für gelungenen Unterricht geben?

K. C. Rulis, August 2014

    Anmerkungen

  1. Die Zitate stammen aus Kathrin Bachs Konzeption für das Netzwerk »Philosophieren mit Kindern«, die seit Januar 2014 dem Schulrat von Berlin-Mitte vorliegt.
  2. Emily Gravett: Post vom Erdmännchen. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Düsseldorf 2007
  3. / 4.   Vgl. Anm. 1

    Die Autorin

  • K. C. Rulis ist als Dipl.-Sozialpädagogin darin spezialisiert, komplexe Lern-, Verhaltens- und Bewegungsblockaden bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu erkennen und im Hirnleistungs- und Lerntraining zum Selbsttraining lerneffektiv zu fördern.
  • Internet: www.lernenunddenken.de
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